Asylon-Tagebuch

Gepostet von ThomasElbel am 09.04.2013

Zur Entstehung meines ersten Romans "Asylon" hatte ich auf meinem Autorenblog auf der Seite von Piper Fantasy eine Art Entstehungstagebuch gebloggt, das bei einem Update der Piper-Site leider depubliziert wurde. Hier stelle ich nun für Interessierte alle Einträge neu ein. Nur der letzte ist leider verloren in Raum und Zeit. Ich hoffe, Ihr habt dennoch Eure Freude daran.

1 - 21.3. - Einführung

Liebe Piper-Fantastinnen und -Fantasten,

das Wunder ist wahr geworden: Piper veröffentlicht am 18. August 2011 meinen Debütroman

ASYLON

Anders als viele andere Autoren habe ich nicht quasi schon im Krabbelalter mit dem Schreiben angefangen, aber immerhin sind seit meinem allerersten Versuch der Produktion von Lesestoff über zehn Jahre vergangen (verdammt, allein der Gedanke treibt einem glatt zehn neue Falten ins nicht mehr völlig jugendliche Antlitz).

Irgendwann während dieser zehn Jahre bin ich auf Anraten meiner Frau Chris auf der Website des von mir sehr bewunderten Kollegen Kai Meyer herumgesurft. Daselbst habe ich sein Journal zum „Buch von Eden“ verschlungen, gierig wie ein Vampir das Blut der Jungfrau. In diesem Tagebuch beschreibt Kai die Entstehung seines - übrigens sehr empfehlenswerten - Buches von der ersten Idee bis zum Erscheinen.

Für mich als völligen Neuling im Literaturbetrieb, der bis dahin nicht viel mehr als einen reichlich naiven Erstversuch von Manuskript und die unvermeidlichen Standardabsagen aller namhaften Verlagshäuser aufzubieten hatte, war die Beschreibung eine Quelle der Erkenntnis,  zudem auch noch packend und launig verfasst. Jeder noch so kleine Beitrag bot Antwort auf so viele lang gehegte Fragen des gepeinigten Schriftstellereinovizen, wie z.B.:

-          Wie schreibe ich eigentlich einen Plot? Brauche ich überhaupt einen?

-          Was sollte am Anfang einer Romanidee stehen, Personencharakterisierung oder doch      eher Handlung?

-          Was ist ein Exposé und wie bringt man es an den Mann bzw. die Frau?

Da ich weiß, dass es vielen von Euch mit eigenen schriftstellerischen Plänen ähnlich geht, möchte ich hier einen eigenen Versuch unternehmen, meinen langen Weg zum ersten Buch zu beschreiben.

Notwendigerweise werde ich das Meiste in der Rückblende schildern müssen, bis ich dann irgendwann die Gegenwart eingeholt habe. Sollte aber kein Problem sein, da ich tatsächlich für mich selbst ein kleines Tagebuch geführt habe, aus dem ich schöpfen kann. Zu Beginn werde ich natürlich etwas raffen. Um ein schönes Gleichmaß zu wahren, verspreche ich euch mindestens einen Beitrag pro Woche bis ASYLON dann endlich erscheint. Fragen zu den Einzelbeiträgen sind natürlich herzlich willkommen und werden von mir pflichtschuldigst und baldmöglichst mit einer Antwort bedacht.

So … jetzt aber Schluss mit dem langatmigen Vorgeschwafel. Ab nächster Woche geht es ans Eingemachte.

Liebe Grüße, Euer Thomas

 

2 - 28.3. - Weihnachtszeit 2000 – Wenn einer eine Reise tut …

Ein Zug von München nach Berlin. Bin gerade auf dem Rückweg vom Besuch bei einem Ex-Arbeitskollegen und guten Kumpel, der in der Georgenstraße in der Münchner Innenstadt wohnt. Dort residiert, wie ich heute – das heißt zehn Jahre später - weiß, auch der Piper-Verlag.

Ein früher Fingerzeig des Schicksals???

Egal, zurück ins Jahr 2000: Während jenseits der Zugfenster das nächtliche Deutschland – übrigens völlig unwinterlich – vorüberrauscht und oberschlaue Zeitungskolumnisten darauf hinweisen, dass der wirklich wahre Jahrtausendwechsel erst dieses Sylvester erfolgen wird, knutscht mich unversehens irgendeine Inspirationsquelle. Wer’s wirklich war, Muse oder Elch, kann nur die Zukunft bringen.

Jedenfalls:

Schriftstellerei als Lebensziel spukt mir schon lange im Kopf herum, bis jetzt allerdings völlig folgenfrei. Heute aber, in der wohltemperierten  Raumzeitblase eines ICE 3-Abteils (einer der ersten „Pendolinos“ in der Bahnflotte; damals waren die Zeitungen übrigens voll von Berichten über übelkeitsgeplagte Fahrgäste) hat diese Träumerei messbare Folgen: Ich bringe ganze acht Seiten wüstes Gekrakel zu Papier. Meiner Faszination für den Film Blade Runner geschuldet, handelt das Ganze von künstlichen Menschen auf fremden Planeten. Zu Hause angekommen, zweckentfremde ich anderntags mein Dienstschlepptop zwecks Digitalisierung des literarischen Auswurfs.

Wird aus diesem vielversprechenden Anfang jemals ein Buch werden oder war es doch nur ein Fall akuter Logorrhöe? Die Antwort folgt im nächsten Eintrag.

 

3 - 4.4. - Jahre 2001 bis 2005 – Wie man einen Roman NICHT schreibt

Ja … so lange dauert es in meinem Fall, aus der ersten Idee und Anfangsszene ein fertiges Buch von knapp über zweihundert Seiten zu machen. Dabei mache ich so ziemlich jeden blutigen Anfängerfehler, der je einen werdenden Schriftsteller befallen hat:

-   Wildes Losgeschreibe ohne vorausgedachten Plot

-   Oberflächliche Charakterzeichnung

-   Episodieritis, bar jeglichen Zusammenhangs zur eigentlichen Handlung

-   Verwechselung der Schilderung eigener Befindlichkeiten mit spannendem Lesestoff

Und, oh Todsünde: Nicht einmal vor Experimenten mit hochprozentiger Kreativitätsschmiere schrecke ich zurück. Nach einer Nacht voll Cuba Libre und frenetischem Tastaturgeklapper habe ich neben einem Riesenschädel nur fünf zusätzliche Seiten produziert und die sind auch noch greulich (oder doch eher gräulich? Hach, die Rechtschreibreform).

Die Bestrafung für alle diese Verfehlungen folgt auf dem Fuße. Nachdem ich das Manuskript an etwa ein halbes Dutzend deutscher Großverlage geschickt habe, trudeln in einem Zeitraum von vier bis sechs Monaten lauter lupenreine Standardabsagen ein. Klingt dann ungefähr so:

vielen Dank für Ihr … blablabla … müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass … blablabla … aufgrund der Vielzahl der Einsendungen … blablabla … bitten wir Sie, dies nicht als Urteil über Ihre Fähigkeiten … blablabla …“.

Ja ja, … „Eat my shorts!“, würde ein gewisser gelbgesichtiger Dauerjugendlicher sagen. Positiv ist zu vermerken, dass am Ende tatsächlich ALLE Verlage geantwortet haben, wenn auch in nämlicher Form.

Meine Schriftstellerseele liegt fast ausgeblutet am Boden. Meine Frau Chris (damals hatten wir uns allerdings gerade mal kennen gelernt), ist studierte Schauspielerin, als solche natürlich dramaturgieerfahren und macht mich auf einen aus ihrer Sicht besonders kritischen Punkt aufmerksam. Das Buch gefällt ihr zwar stilistisch, aber die Figuren findet sie „eindimensional“ und „langweilig“.

Mir geht auf, wie Recht sie hat, nur leider mangelt es mir an jeglicher Idee, wie ich dieser Misere abhelfen könnte.

Viele würden jetzt aufgeben. Mich rettet ein Buch über Bücher. Aber dazu nächstes Mal mehr.

 

4 - 11.4. - Frühjahr 2006 – Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

So heißt ein Buch des amerikanischen Autors und Creative-Writing-Lehrers James N. Frey, das mir meine Schwester geschenkt hat, die ich zuvor, genau wie meine Zukünftige, um Buchkritik gebeten hatte.

Zuerst bin ich des Geschenks wegen ein wenig pikiert: Habe ich so etwas nötig? Aber dann entpuppt sich das Buch als Goldschatz. Das erste Mal wird mir bewusst, dass das Schreiben von Büchern nur am Rande etwas mit überbordender Kreativität und künstlerischem Genie zu tun hat, sondern vor allem mit der routinierten Anwendung von generationenalten Techniken und Strukturen. Oder wie Frey sagt: Schreiben ist 10% Inspiration und 90% Transpiration.

Über Frey komme ich auch zu Joseph Campbell, einem amerikanischen Anglisten, der in seinem Buch „Der Held mit den tausend Gesichtern“ die Theorie des Monomythos geprägt hat. Ihr zufolge weisen alle Mythologien des Erdenkreises gemeinsame Strukturen auf. Offensichtlich gibt es also eine Art gemeinsamen Nenner des Geschichtenerzählens in allen Kulturen. Kein Geringerer als George Lucas hat auf Campbells Theorien fußend sein Star-Wars-Universum kreiert und der Drehbuchautor Christopher Vogler hat die Theorie systematisch auf das moderne Creative Writing übertragen. Seitdem sind methodische Begriffe der angewandten Theorie des Monomythos zum Allgemeingut schriftstellerischer Tätigkeit geworden. So z.B. die Metapher des „fish out of water“, die sich auf den Moment bezieht, in dem Monsieur le Romanheld durch irgendein überraschendes Ereignis aus seinem Alltagstrott katapultiert wird, wie eben der Karpfen aus seinem Teich, (*luftschnapp*; siehe etwa Luke Skywalker bei Ankunft von C3PO und R2D2 bzw. der Ermordung seiner Pflegeeltern).  

Zurück zu mir und meinem Weg zum eigenen Buch: Natürlich sollte man sich vor der Gefahr hüten, im reinen Theoriestudium zu versumpfen. Ich habe dann auch irgendwann alle Bücher beiseitegelegt und mich frisch gestärkt an einen Neuanfang gewagt. Dabei habe ich ein paar der gewonnenen Erkenntnisse sofort gewinnbringend anwenden können.

Welche das waren? …

Näxtet Mal! ;-)

 

5 - 18.4. - Sommer bis Herbst 2006 – Wie man einen Roman verdammt gut anbietet

Und hier die versprochenen Erleuchtungen (Stimmet alle mit ein: Ommmmm Ganesha …)

  1. Wenn auch die meisten Ablehnungen unverlangt eingesandter Manuskripts auf schlechter Qualität basieren, so doch nicht alle. Oft spielen nämlich auch schlicht marketingtechnische Erwägungen eine Rolle. Eine mögliche Folgerung hieraus wäre,  dass es sich einfach nicht lohnt, ein unverlangtes Manuskript komplett zu Ende zu schreiben! Vielmehr genügt zur Feststellung, ob ein eigenes Projekt Marktchancen hat, die Einsendung einer Art von Appetithappen. Die marktgeläufige Bezeichnung eines solchen Appetithappens ist nicht etwa „Hors d’oeuvre“, sondern vielmehr „Exposé“, womit ich zu meinen zweiten Punkt gelange:
  2. É, voilà … l’exposé
    Viele Verlage bitten bereits in ihren Hinweisen für Manuskripteinsendungen anstelle eines kompletten Entwurfes ganz ausdrücklich um die Einsendung eines Exposés. Mais … qu’est-ce que c’est, l’exposé?
    Da es für das literarische Exposé keine DIN-Norm gibt, weichen die Vorstellungen der lieben Marktteilnehmer ziemlich voneinander ab. Im Folgenden will ich in aller Kürze zusammenfassen, welche Tröpfchen ich aus diversen Foren, Web-Anleitungen, Lehrbüchern und meinen eigenen Erfahrungen destillieren konnte:
    Alors, … ein Exposé ist eine zehn- bis zwanzigseitige Kombination aus den folgenden Angaben bzw. Elementen:
  • Autorenname und Kontaktdaten
  • Arbeitstitel
  • Genre, einschließlich Verweis auf literarische bzw. filmische Vorbilder (!!!) und Inspirationsquellen
  • Geplanter Seitenumfang
  • Fertigstellungszeitraum
  • Eine Kurzdarstellung des geplanten Inhalts nach Art eines verlängerten Klappentexts, also eine Art Anreißer, der das wesentliche Thema, die wichtigsten Figuren und die Hauptkonflikte in einer Art auf den Punkt bringt, die den Appetit des Lektors weckt, ohne allerdings die gesamte Handlung darzustellen. Umfang: Etwa eine Seite
  • Eine Vorstellung der wichtigsten Charaktere in kurzen Absätzen (Held, Bösewicht, wichtige Nebenfiguren)
  • Eine etwa halbseitige Darstellung des Settings, also Zeit, Ort und Situation der Handlung, die dem Lektor ein lebendiges Bild des Hintergrunds der Story vermittelt.
  • Der Rest der Seiten sollte für eine fünf- bis fünfzehnseitige Darstellung der geplanten Handlung (Plot) mit allen wesentlichen Wendepunkten (so genannte Plotpoints) und Nebensträngen verwendet werden, die – anders als die oben angesprochene Kurzdarstellung – dem Lektor auch nicht die Auflösung eventueller Mysterien und Geheimnisse der Geschichte vorenthält. Schließlich muss der ja wissen, wohin der Hase läuft.

Ich habe auf der Grundlage dieser neuen Erkenntnisse meine alte Idee einfach wieder aufgewärmt, und einen völlig neuen Plot nebst Exposé draus gebacken, woraus ihr eine meiner hervorstechendsten Eigenschaften als Autor ablesen könnt. Ich bin ein gnadenloser Selbstfledderer. Recycle or perish!

Am Ende dieses überlangen Eintrags folgt nun meine dritte Erkenntnis: Bücher schickt man heutzutage nicht mehr direkt an Verlage, sondern an Agenten. Warum das so ist und wie ich damit auch noch Erfolg hatte, erzähle ich Euch … na Ihr ratet es schon … beim nächsten Mal.

 

6 - 25.4. - Herbst 2006 – Mein Name ist Buch, … James Buch

Ich hatte Euch etwas zum Thema Agenten versprochen: Literaturagenturen gab es zuerst auf dem anglo-amerikanischen Buchmarkt, sie spielen aber auch in Deutschland eine immer größere Rolle. Nur … was machen Agenten denn eigentlich? Kurz gesagt, repräsentieren sie einen Autor gegenüber den Buchverlagen. Das heißt, sie unterstützen ihn mit Rat und Tat bei der Erarbeitung eines Projekts, insbesondere des Exposés (siehe letzter Eintrag). Danach übernehmen sie die Aufgabe, den Verlagen das Projekt anzubieten. Hierbei sind sie insbesondere hilfreich, weil sie – anders als der Autor selbst – bestens abschätzen können, bei welchen Verlagen sein Buch ins Programm passt. Außerdem kennen sie die Key Player und Lektoren der Verlage im besten Falle persönlich und können daher dafür sorgen, dass die Einsendung das nötige Augenmerk erhält. Tatsächlich ist es heute eigentlich schon so, dass es eine deutlich höhere Erfolgswahrscheinlichkeit hat, sein Debüt einem Agenten anzubieten, als eine unaufgeforderte Einsendung bei einem Verlag zu versuchen. Denn im Unterschied zu den meist hoffnungslos überarbeiteten Verlagslektoren können sich die Agenten die Zeit nehmen, unverlangte Manuskripte auch tatsächlich zu lesen. Hat man dann das Interesse eines namhaften Agenten geweckt, so ist das eigentlich schon ein halber Ritterschlag, bzw. die halbe Miete.

Nach Fertigstellung meines Exposés lud ich mir zwei Dutzend Adressen seriöser Agenturen von der Website www.uschtrin.de herunter, an die ich dann das Exposé versandte. Selbstverständlich habe ich mich auch hierbei wiederum peinlichst genau an die auf den Websites der Agenten erbetenen Manuskriptstandards gehalten, auch wenn das hieß, zwanzig verschiedene Versionen desselben Exposés zu basteln. Ich kann es nur betonen: NEIN, ein guter Autor zeichnet sich nicht durch nonchalante Missachtung solcher „trivialweltlichen“ Vorgaben aus, sondern durch deren professionelle Befolgung.

Wiederum kassierte ich einige Absagen, die aber zum Teil immerhin schon mal etwas detaillierter waren, als die der Verlage zu meinem früheren Versuch, aber auch bereits nach zwei Tagen (!) das Angebot einer Zusammenarbeit. Von diesem Angebot und meinen weiteren Erfahrungen möchte ich Euch das nächste Mal berichten.

 

7 - 2.5. - Samstag, 1. Dezember 2007 – Garbsen, Umbillicus Mundi (please google)

Nachdem ich vormittags die Einkäufe erledigt habe, kann nun endlich das Wochenende beginnen. Gerade will ich die Beine hochlegen, als das Telefon klingelt. Am Apparat: Bastian Schlück, Juniorchef der Thomas Schlück GmbH. Er hat mein Manuskript gelesen (Schriftstellerherz hat erste Extrasystole). Es hat ihm gut gefallen (Schriftstellerherz tanzt Chachacha der Arrhythmie) und daher besteht Interesse an einer Zusammenarbeit mit mir (Massives Kammerflimmern … bitte sofort Rettungssanitäter verständigen).

Ich fühle mich wie der Zeuge eines kirchenfähigen Mirakels. Eigentlich hatte ich das Manuskript erst am Mittwoch und Donnerstag an die diversen Agenturen versandt und mit Antworten frühestens in ein paar Wochen gerechnet. Jetzt sind gerade Mal zwei läppische Tage vergangen. Wir verabreden, dass ich zunächst den Vertragsentwurf, der mir gleich nach dem Telefonat per Email zugeht, prüfe und mich dann entscheide.

Als ich zuvor die Agenturen ausgesucht habe, denen ich mein Manuskript vorlegen wollte, hatte ich ein paar Lieblingskandidaten. Die Schlück GmbH aus dem kleinen Örtchen Garbsen bei Hannover unweit meiner alten Heimat Hildesheim gehörte eigentlich nicht dazu. Der Internetauftritt ist zwar professionell, aber im Gegensatz zu dem manch anderer Agenturen fast etwas unscheinbar. Jetzt tauche ich nochmals tief ins Internet und kann mein Glück kaum fassen. Es handelt sich um eine der ältesten und umsatzstärksten Agenturen Deutschlands. Fieberhaft blättere ich durch den Vertrag. Soweit ich es beurteilen kann, entspricht er den branchenüblichen Standards, die ich vorher ebenfalls im Netz recherchiert habe. Nachdem ich in meinem Büro kurz meinen Federschmuck angelegt und den Tanz des erfolgreichen Exposéeinsenders getanzt habe, versende ich ein lautes, digitales Ja.

Als ich am Anfang der folgenden Woche den anderen Agenturen der guten Ordnung halber wieder absage bzw. mein Manuskript zurückziehe, tue ich das – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – nicht ohne ein leicht hämisches Gefühl von „Ihr hätte mich ja haben können, aber wer zu spät kommt, …“

Für den Moment hängt mein Schriftstellerhimmel erst einmal voller neonpinker Wolken. Wenn ich allerdings jetzt schon wüsste, welch spitzsteiniger, abschüssiger Trampelpfad von einem Weg noch vor mir liegt, würde ich das vielleicht eine Terz nüchterner betrachten.

 

8 - 9.5. - Dienstag, 18. Dezember 2007 – The KISS-Principle: Keep It Simple, Stupid!

Telefonat mit meinen Agenten Bastian Schlück. Dauer: etwa anderthalb Stunden. Nach dem Auflegen fühlt sich mein Ohr noch für weitere fünf Minuten an, als ob es gerade auf einem Currywurstbratrost eingeschlummert wäre. Zweck des Gesprächs war die Besprechung meines ausführlichen Plotentwurfs (nicht Teil des ursprünglichen Exposés).

In meinem Fall ist das eine dreißigseitige Beschreibung der 120 Szenen aus denen der Roman einmal bestehen soll. In einer Art tabellarischen Form ordne ich jeder Szene Handlungsort und -zeit, sowie beteiligte Charaktere zu, um dann die Handlung in einem kurzen Absatz zusammenzufassen. Die Hauptpersonen habe ich außerdem nur für mich in etwa einseitigen Figurenexposés nach Aussehen, Herkommen und Charakter beschrieben, alles streng nach Lehrbuch. Ein f…g Plottingoverkill. Bei späteren Projekten werde ich es da doch wieder etwas laxer angehen. Klar ist für mich heute aber: Ohne Plot geht es nicht (auch wenn jetzt einige Kollegen laut aufheulen werden).

Meinem Agenten hat der Plot insgesamt gut gefallen, ist ihm aber in der Anlage zu komplex. „Das steuert auf einen Tausendseiter zu.“, merkt er höflich an und hat Recht. Für einen Debütanten wie mich viel zu lang. Da Bücher auch produziert werden müssen, dickere Bücher höhere Kosten und damit ein höheres Risiko für die Verlage bedeuten, ist man bei Anfängern, was die Seitenzahlen angeht, eher zurückhaltend. 350 - 450 Manuskriptseiten gelten als akzeptabel. Sicher hat mein Agent auch Angst, dass ich mich damit einfach überhebe, auch wenn er das nicht so deutlich sagt.

Neben diesem ebenso schlichten wie wichtigen Hinweis hat er einige Dutzend weitere, die ich während unseres Gespräches auf etwa zehn DIN-A4 Seiten in dem für mich typischen Krakelsteno notiere. Seine Tipps hören sich dann in meiner Schreibe z.B. so an:

Charon ist zu wichtig für einen Sidekick (Braucht man ihn?)“.

Die Kunst des Agenten besteht hierbei auch darin, dem Autor die aus seiner Sicht notwendigen Änderungen so zu verkaufen, dass dieser sie nicht als Tritt in seine künstlerischen Weichteile empfindet. Analog zum sprichwörtlichen „Hmm, Hmm“ des Psychoanalytikers lautet daher der wohl meistgeäußerte Satz des Agenten in solchen Gesprächen: „… aber das ist natürlich nur ein Vorschlag.“ Auch wenn es schwer fällt, liebe Schwestern und Brüder … als Autor tut man gut daran, für die Dauer des Gesprächs alle naturgemäße, künstlerische Eitelkeit in die Wüste zu schicken und die äußeren und inneren Ohren bis auf Meteoriteneinschlagskratergröße aufzusperren.

Nach dem Gespräch hacke ich alles schleunigst in meinen PC. Denn wer weiß, ob ich kryptische Bemerkungen, wie die oben, morgen noch dechiffrieren kann. Nachdem ich die Anmerkungen den betreffenden Szenen zugeordnet habe, mache ich mich an die wichtigste Tätigkeit des Schriftstellers: DEEP THOUGHT. Denn, nur weil die vorgeschlagenen Änderungen richtig und wichtig sind, ergibt sich ihre konkrete Umsetzung noch lange nicht von selbst. Wer einmal einen Roman redigiert hat, weiß das jede Änderung in einem linear erzählten Plot notwendigerweise Auswirkungen auf die Gesamthandlung hat, insbesondere wenn die Änderung so dramatisch ist, wie z.B. die Verschmelzung zweier Personen oder das Streichen eines Handlungsnebenstrangs. Stellt euch vor, ihr müsstet aus irgendwelchen Gründen Boromir aus den „Gefährten“ tilgen. Aber wie kommt es dann zu Frodos und Sams Alleingang? Hmmm … 42!?!

Da fällt mir ein, habe ich eigentlich schon so richtig erzählt, worum es in MEINER Buchidee geht? Nicht? OK, dann hol ich das eben nächstes Mal nach.

 

9 - 16.5. - Weihnachten 2007 bis März 2008 – Von der Breite der Seite

„Nexus7“ so lautet der Arbeitstitel meines Buches. Kurz gesagt geht es darin um künstliche Menschen. Inspiriert ist das Ganze von Philipp K. Dicks „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ dessen stilbildende Verfilmung „Bladerunner“ mich seinerzeit nachhaltig fasziniert hat. Mein Roman versucht, die Idee insoweit in ihr Gegenteil zu verkehren, als dass es hier die künstlichen Menschen sind, die die Oberhand gewonnen und die Menschen zu Gejagten gemacht haben. Die Ur-Idee hierzu habe ich unverändert aus meinem Erstling übernommen. Nur dass ich bei meinem jetzigen Versuch die Dramaturgie eben literarischen Standards angepasst habe.

Nach dem Gespräch mit meinem Agenten besteht die Aufgabe, die sich mir nun stellt - wie gesagt - darin, meinen Entwurf einer radikalen Entschlackungskur zu unterziehen. Allen guten Vorsätzen zum Trotz entscheide ich mich diesmal, einfach drauf los zu schreiben, also ohne neuen (verkürzten) Plotentwurf. Dass ich glaube, mir das leisten zu können, hat sicherlich viel damit zu tun, dass ich durch die monatelange Beschäftigung mit dem Vorentwurf und den Protagonisten so gut im Stoff bin und sich der rote Faden damit diesmal tatsächlich während des Schreibens ausbildet … soweit er nicht längst vorhanden ist.

Meinem Agenten musste ich einen Fertigstellungstermin versprechen. Mutig habe ich mich auf Ende März festgelegt (schluck). Bis dahin will ich 300 bis 400 Manuskriptseiten produziert haben (doppelschluck).

Aus irgendwelchen Gründen beschäftigt mich das Thema Manuskriptseite in diesem Stadium ungemein. Hier hilft wieder einmal das Internetz. Eine Manuskriptseite ist durch passende Auswahl von Schriftart, -größe und Seitenrand so eingerichtet, dass sie im Maximalfall 1.800 Zeichen einschließlich Leerzeichen beherbergen kann. Da Autoren (vor allem bei wörtlicher Rede) auch mal Absätze verwenden, erreicht eine Realseite dann niemals diese eben nur theoretische Kapazität. By the way: Gesetzt wird linksbündig (nicht der sonst so beliebte Blocksatz) und die Verwendung der automatischen Silbentrennung ist eher verpönt.

Ich diszipliniere mich, indem ich einen Tagesaustoß von mindestens fünf Seiten festlege, was in drei Monaten ca. 450 Seiten ergeben könnte. Da ich ja schon fünfzig Seiten vorgelegt habe, die sich im Licht der soeben beschriebenen Layoutregeln erfreulicherweise als ca. hundert Manuskriptseiten entpuppen, kann ich mir zumindest an Wochenenden schreibfrei gönnen. Über meine Fortschritte führe ich akribisch Buch. Ist es am einen Tag mal weniger, versuche ich das anderntags wieder aufzuholen. Klingt bestimmt etwas grenzmanisch, aber Schreibdisziplin hilft z.B. die gefürchteten Klippen der Schreibblockade zu umschiffen. Trotzdem ist Schreiben bei mir sehr tagesformabhängig. Kreativität lässt sich eben nicht erzwingen. Manchmal quäle ich mich daher bäuchlings und mit hängender Zunge gerade eben so über die Ziellinie (oder eben nicht). An anderen Tagen fließen mir schon auch mal zehn Seiten locker aus der Feder bzw. der Tastatur.

Oft habe ich die unheilvolle Neigung, mich in sinnloser Recherche zu verlieren (Kennt ihr das Phänomen auch?). Da meine Geschichte mitunter an Schauplätzen in den Megacities der  Welt spielt, die ich mangels Millionen auf dem Konto noch nicht alle kenne, verbringe ich sehr viel Zeit in Google Earth (in welchem Hof des Hradschin steht noch mal der Veitsdom???) und oft genug tauche ich dann stundenlang im Internet ab, um bei der Rückkehr an die Oberfläche zu bemerken: „Mist. Viel gelernt, aber wenig geschrieben.“

Auf halbem Wege erkundigt sich mein Agent nach dem Fortschritt. Dank meines rigiden Regimes liege ich trotz aller kleinen Problemchen gut in der Zeit und zum Endtermin kann ich dann stolz verkünden: Ich habe fertig. Mit bangem Herzen drücke ich schließlich den Send-Button.

Die Reaktion?

Nächstet Mal.

 

10 - 23.5. - April bis November 2008 - Fiehtbäck

Pünktlich zum 31. März hält mein Agent das Manuskript bzw. dessen Abbildung auf seinem eBook in Händen. Sein Lob für das Gesamtwerk höre ich gern, kann’s aber gar nicht so richtig annehmen. Sagt er das nicht zu jedem seiner Autoren? Na ja, diese Selbstzweifel gehören wahrscheinlich zum Autorenleben dazu, wie die Kalorien zur Currypommes, sage ich mir schließlich und außerdem … wenn ich oder der Text eine völlige Null wäre, würde er wohl keine weitere Arbeit drauf verschwenden, ODER …?

Natürlich gibt es auch wieder Änderungshinweise. Die sind dann allerdings diesmal eher auf Grasnabenniveau, z.B. zu häufige Verwendung bestimmter Worte innerhalb eines bestimmten Textabschnitts, verwirrende Figurennamen, missverständliche Szenen etc. Innerhalb von zwei Wochen bereinige ich das Meiste und füge auf seinen Wunsch auch noch eine Vita und ein Kurzexposé (d.h. eine noch knappere Version als die in meinem früheren Beitrag beschriebene) bei.

Spannend ist noch einmal die Titelfrage. Mein Agent regt hier eine Änderung an. Ich zerbreche mir tagelang den Kopf. Mache eine Brainstormingliste. Ergänze, streiche, nehme die Streichung zurück, dann habe ich schließlich einen überraschenden Hirnblitz, der auch die Gnade meines Agenten findet. Neuer Arbeitstitel: „Die Überstadt“. Passt gut zu meinem Gefühl, dass es sich hier eigentlich eher um Urban als um Science Fiction handelt.

Das Paket ist jetzt fertig.

UND NUN WIRD ES ERNST.

Mitte Mai trifft mein Agent eine Auswahl von Verlagen, denen er das Manuskript anbietet. Nicht jeder Verlag in Deutschland hat eine eigenständige Science-Fiction-Schiene, in die mein Manuskript (trotz weitgehender Abwesenheit von Aliens und Raumschiffen) wohl fallen würde.

Ein Autor braucht in solchen Phasen vor allem eins: GEDULD. Ich hatte davon leider schon immer verdammt wenig. Also verbringe ich die Wochen mit viel innerem Fingernägelgeknabbere und dann und wann auch sinnentleerten Mails an meinen Agenten, die sich oberflächlich um ganz andere Themen drehen (neue Projekte, Versuch einer Gedichtübersetzung aus dem Englischen) aber zwischen den Zeilen immer nur die eine Frage stellen: „Is schon was zurückgekommen?“

Und dann … schlendern die ersten Reaktionen herbei, spärlich über die Monate verteilt. Im schlimmsten Fall ist es eine blanke Absage hinter den Kulissen, aber in den meisten Fällen bekommt mein Agent immerhin eine Mail mit einer ausführlicheren Begründung der Nichtannahme, ganz anders als die bei Selbstversand des Autors üblichen Formabsagen. Der Tenor der Absagen schwankt zwischen „ist uns zu viel Science Fiction“ (von Verlagen, die dafür keine selbständige Sparte haben) oder „ist uns zu wenig Science Fiction für die Science Fiction Sparte und zuviel Science Fiction für die normale Belletristik“. Davon abgesehen hat das Buch einigen Lektoren durchaus gefallen. Ich darf mich also ein wenig ermutig fühlen. Eine Handvoll Verlage bittet um weitere Geduld, darunter Piper …

 

11 - 30.5. - November 2008 bis Mai 2009 – Gehe zurück auf Start …

Kurzes Fazit: Mein Manuskript „Die Überstadt“ wurde einer Auswahl deutscher Großverlage vorgelegt. Einige haben abgelehnt. Ein paar Meinungen stehen noch aus. Am Ende werden sich einige wenige Verlage trotz aller Bemühungen meines Agenten nie gemeldet haben.

Doch im Augenblick darf ich auf eine Veröffentlichung zumindest noch hoffen, auch wenn es im Herbst 2008 etwas ruhig um das Buch geworden ist. Die Schriftstellerseele befindet sich daher im Zustand milder Depression.

Gegen diese Art von schriftstellerischer Melancholie hilft nur eines. Neue Ideen entwickeln. Ich jongliere so dies und jenes mit meinem Agenten und will gerade anfangen mit den Recherchen zu beginnen, als mich erneut mein Agent kontaktiert, diesmal per Mail. Piper hat sich gemeldet. Auch dort hat die „Überstadt“ gut gefallen, aber auch dort bestehen die Bedenken bezüglich der Einordnung in ein marktgängiges Genre. Wer von Euch jetzt mit den Augen rollt, sollte sich klar machen, dass am Anfang eines Bucherfolges zuallererst eine gute Marketingstrategie des Verlages steht. Das gilt vor allem bei einem Debüt. Marketing aber beruht immer auch auf dem Anknüpfen an bereits vorhandene positive Erfahrungen des Publikums. Wenn schon der Schriftsteller ein Unbekannter ist, sollte wenigstens das Buch beim potentiellen Leser Assoziationen an vergangene Lesevergnügen wecken, damit er auch zuschlägt. Insofern ist ein neues Genre natürlich auch immer ein Risiko und zwar leider unabhängig von der literarischen Qualität des Buches an sich. So … genug der Belehrungen.

Piper möchte kurz gesagt wissen, ob ich noch weitere Ideen auf dem Kasten habe und natürlich, ob ich hierzu auch etwas zu Papier bringen könnte (Stichwort: Exposé).

Und was antwortet wohl ein Autor, der es mit dem Schreiben ernst meint, auf so eine Frage?

 

12 - 6.6. - Mai bis Dezember 2009 – Postapocalypse Now

Piper will also eine NEUE Idee und die sollen sie haben. Ermutigend ist, dass man dort die „Überstadt“ offensichtlich gelesen hat und – auch wenn sie sie (noch) nicht veröffentlichen wollen – jedenfalls meine Schreibe mögen. Die Tatsache, dass Piper jetzt nach einer anderen Idee fragen, ist zwar kaum als quasi verbindliche Bestellung zu werten, aber ich würde mal sagen, die Tür hat sich den einen oder anderen Nanospalt geöffnet.

Also: Auf zu Hirngestürm, Gedankensauna und Ideenschmiede.

Puff, Bumsknall, anschwellendes Geigengeschrammel, Fanfaren-Tataaa:

Asylon!!!

Nein, im Ernst. Ganz so einfach ist es nicht. Im Gegentum … wochenlang quäle ich mich mit einer vagen Grundidee und ihren dramaturgischen Verwurschtelungen. Als ich am Ende zu 90% am Ziel bin und erste Entwürfe eines Exposés (schon wieder ein Exposé) tippe, kommt mir auf einmal alles völlig unlogisch und dämlich vor und ich werfe es wieder über den Haufen, nur um dann bei einem weiteren Versuch letztlich wieder genau bei diesem Entwurf zu landen. Meine temporäre, schriftstellerische Bipolarität erträgt in diesen Tagen meine Göttergattin, die – gerade selbst in den Endwehen ihrer Psychologie-Diplomarbeit liegend – mit mir Ideenpingpong spielen und meine Anfälle galoppierender Selbstentwertose therapieren muss.

Euch geht es ähnlich? Willkommen im Club.

Ganze sieben Monate später, Anfang November, als mein Agent, mit dem ich zur Abwechslung mal keinen Termin verabredet habe, gerade zart nachhakt, kann ich endlich die baldige Fertigstellung des Exposés vermelden, das ich dann eine Woche später auch tatsächlich versende.

Der Inhalt? Wenn ihr diese Zeilen lest, sollte auf der Piper-Fantasy-Site schon die Vorschau nebst Ankündigungstext sichtbar sein. Und mehr als das will ich wirklich nicht verraten, denn das Buch ist neben Fantasy und bissel Science Fiction auch Mysterythriller (im Fachjargon übrigens postapokalyptische Fantasy, siehe auch „The Road“). Also … Geduld bitte.

Zwischen mir und meinem Agenten gibt es jetzt wieder den üblichen Austausch. Nachdem er das - einschließlich Leseprobe - immerhin siebzigseitige Exposé wie immer in Rekordzeit verposematuckelt hat, telefonieren wir zwecks Besprechung allfälliger Änderungen. Sein Grundurteil: Zu komplex (Déjà vu? Glitch in the matrix? Bloß schnell zum nächsten öffentlichen Fernsprecher!). Wie immer leuchtet mir seine Meinung mehr als ein. Diesmal allerdings mache ich es nach Lehrbuch und überarbeite den Plot. Auch hier ergreife ich den Trick der Figurenverschmelzung. Das wird übrigens häufig auch dann gemacht, wenn Bücher zu Drehbüchern werden. So kombiniert zum Bleistift Jacksons Herr der Ringe die Tolkien-Charaktere Arwen und Glorfindel. In Tolkiens Buch ist es nämlich Glorfindel, der Frodo und die anderen Hobbits im ersten Band bei der Furt von Bruchtal vor den Nazgul rettet. Im Film verschmilzt er mit Arwen, die in Tolkiens Werk selbst eher eine mindere Nebenfigur ist (Bin ich der Einzige, der wünscht, Jackson hätte das so gelassen? Ick kann Liv Tylers Waidwundes-Rehchen-Blick nur höchst begrenzt ertragen).

Am Ende findet jedenfalls der geänderte Plot den Zuspruch meines Agenten. Mitte Dezember schickt er das Buch an Piper, außerdem an einen weiteren Verlag, der sich positiv zur „Überstadt“ und noch einen, der sich dazu bis jetzt noch gar nicht geäußert hatte.

Jetzt heißt es erstmal wieder waaaaarten …

geduuuuuldig sein …

die Füüüüüße still halten …

HILFE!!!

 

13 - 13.6. - Februar bis März 2010 – Leipziger Buchmesse konspirativ

Diesmal geht es zur Abwechslung mal relativ fix. Gut einen Monat, nachdem mein Agent das Exposé eingereicht hat, meldet sich wiederum der Piper Verlag. Man ist an der Idee interessiert. Allerdings lässt Carsten Polzin, der Cheflektor des Fantasy-Bereiches durch meinen Agenten übermitteln, dass er vor einer Entscheidung mit mir über kritische Punkte des Entwurfes diskutieren will, was wir dann auch tun. Im Prinzip läuft es auf eine weitere Überarbeitung hinaus. Das ist zwar anspruchsvolle und nicht immer lustige Arbeit (siehe meinen vorherigen Eintrag), aber hey, angesichts der massiv verbesserten Chancen, nun endlich eine schriftstellerische Heimat zu finden, mach ick ditt doch mit links.

Und dann kommt Leipzig.

Deutschlands Literaturszene hat es gut. Zwei der weltweit bedeutendsten Buchmessen finden hierzulande statt. Frankfurt im Herbst und jetzt im Frühjahr Leipzig. Dabei gilt Leipzig als die familiärere Messe auf der vor allem die Besucherorientiertheit hoch gehalten wird. Gleichwohl wird in Leipzig natürlich auch das betrieben, was der Hauptangelpunkt jeder Messe ist … Business.

Für Verlage und Literaturagenturen ist die Messe daher Pflichtprogramm. Mein Agent Bastian Schlück kündigt mir an, sich in Leipzig auch mit Carsten Polzin von Piper verabredet zu haben. Dort soll neben vielem anderen (ich bin sicher beileibe nicht das einzige Projekt, das die beiden verhandeln) auch meine mögliche Zukunft bei Piper besprochen werden. Carsten hatte mir in unserem Telefongespräch nahe gelegt, vielleicht mal vorbei zu schauen. Auch wenn es mich in den Fingern juckt … auf die Gefahr hin, dass wieder nix wird aus mir und Piper (und in diesem Moment ist das wirklich zumindest aus meiner Sicht noch völlig offen), ist mir dat dann etwas zu aufwändig. Also warte ich mal wieder brav.

Ich verkürze mir die Zeit mit leckerer Lektüre. Auf Piper Fantasy hatte ich auf meiner Suche nach Kollegen mit ähnlichem Genre Jeff Carlson entdeckt und mir „Nano“ beschafft. Mist, denke ich, Nanopartikel als Pest der Cyberära, warum bin ich darauf nicht selbst gekommen?!

Während ich lese, verhandeln mein Agent und Carsten Polzin von Berlin aus gesehen sozusagen im östlichen Off (ist jetzt nur als Theaterbühnenanalogie gemeint, nicht als Wertung ;-).

Da sich an Leipzig die Kinderbuchmesse in Bologna nahtlos anschließt, wird es Anfang April, bis ich wieder was zu hören kriege. Aber dann, endlich …

Stopp!

Moment mal …

Die Überschrift dieses Eintrages ging doch nur bis März?! Tja, sorry, Leute. ;-)

 

14 - 20.6. - April 2010 - Heureka

Anruf von meinem Agenten Bastian Schlück: Piper in Gestalt von Cheflektor Fantasy Carsten Polzin bietet mir einen Vertrag für Asylon an, an, an  … (dramatischer Nachhall verliert sich in grenzenlosen Weiten).

Drei Tage lang zwicke ich mich regelmäßig, um halluzinatorische Zustände auszuschließen. Dann trifft wenige Tage vor meinen Zweiundvierzigsten (Autschnochmal!) die Mail von Piper mit den Eckpunkten des Angebots ein. Da ist von Nebenrechten die Rede, von Nettovertragserlösen, Vorschuss und anderen exotischen Tieren. Klingt alles immer noch völlig surreal. Trotzdem soll ich mich schon mal auf einen Fertigstellungstermin festlegen (im Exposé hatte ich nur einen ungefähren Zeitraum von 3 bis 4 Monaten angegeben), was angesichts der Tatsache, dass sich Carsten Polzin noch vorbehält, mit mir gemeinsam „ein bisschen am Plot zu feilen“, als kleines Wagnis darstellt. Todesmutig und in der Hoffnung, dass wir bald Gelegenheit finden, uns über alles zu einigen, gebe ich den 30. September an.

Hört sich für Euch vielleicht angesichts meiner eigenen, früheren Einschätzung sehr machbar an, aber trotzdem ist so was natürlich immer eine Reise ins Ungewisse. Mir ist jedenfalls bei dieser Festlegung leicht mulmig zumute. Bis jetzt waren solche Terminfestlegungen zwischen mir und meinem Agenten immer nur halbverbindliche Spielerei. Diesmal steht es in einem waschechten Vertrag.

Aber egal: Erstmal genieße ich meinen Sieg. Carsten Polzin kündigt an, mich demnächst (nach den Leipziger und Bologneser Messen gibt es jetzt auch noch eine in London) zwecks Plotfeilen in Berlin besuchen zu wollen. Ich beschließe, dass es - obwohl die Uhr jetzt tickt - wenig Sinn hat, mit dem Schreiben anzufangen, bevor der Plot mit dem Verlag endgültig abgestimmt ist. Ich habe ja keine Ahnung, wo ihn der Schuh drückt, auch wenn das grundsätzliche Problem, das er mit dem Plot hatte, sich wohl irgendwie in Luft aufgelöst zu haben scheint.

Diesmal ist das Warten aber natürlich sehr viel entspannter.

 

15 - 27.6. - Mai 2010 – Meet the Chief Lector

Da Carsten Polzin nach London noch einen – sicherlich wohlverdienten – Urlaub einlegt, verschiebt sich unser Treffen auf Mitte Mai. Mir als Ortskundigem obliegt dann die Aufgabe einen geeigneten Treffpunkt zu finden. Hierbei fühle ich mich ein bisschen wie ein Teenager beim ersten Date und mache mir einen Riesenkopf über das Thema. Wo in Berlin finde ich eine Lokalität, die folgende drei Bedingungen erfüllt: 1. Man muss gut essen können, egal welcher Ernährungsphilosophie man möglicherweise angehört. 2. Es sollte nicht so verdammt überlaufen und laut sein. 3. Es sollte für Ortsunkundige leicht zu finden sein. Das is in der Hauptstadt jarnich so einfach, aber am Ende fällt mir dann eins meiner Lieblingsrestaurants am Lausi (Lausitzer Platz, Berliner müssen so was immer verniedlichen, siehe auch Kotti etc.) im guten, alten Crossmountain ein.

Ein paar Tage später sitze ich am überflüssigerweise, aber rein vorsichtshalber reservierten Tisch und warte.

Enter … Carsten.

Wat soll ich sagen. Der Mann ist – wie auch schon am Telefon – kreuzsympathisch, bodenständig und locker. Man möchte fast ein bisschen neidisch sein. Gut zehn Jahre jünger als meinereiner leitet er schon die Fantasysparte eines der größten, deutschen Verlage und das obwohl er als ebenfalls gelernter Jurist zumindest ausbildungsmäßig genauso marktfremd ist wie ich.

Wir verbringen den Abend mit neunundneunzig Prozent Plausch. Das restliche Prozent ist ein wohlgemeinter Hinweis, der schlicht darin besteht, eine bestimmte Stelle in meinem Plot so umzuändern, dass ich das Hauptgeheimnis des Buches nicht gleich am Anfang verschleudere. Klingt doch sinnig, oder? Wenn ihr Euch jetzt gerade so was fragt wie: Und warum konnte Elbel, dieser Vollbrummer, darauf nicht von selber kommen, biete ich in aller Demut folgende Erklärung an. Bei einem Roman, der zu einem Gutteil auf der Auflösung von Mysterien beruht, gibt es grob zusammengefasst, zwei Arten, besagte Geheimnisse einzustielen.

-   Erstens das, was ich die Edgar-Wallace-Methode nenne: Der Mörder in Gestalt des grünen Bogenschützen ist am Ende des Buches keine der Personen, die der Leser auf dem Schirm hatte, ja nicht einmal irgendeine Person, die der Leser bis hierhin kennenlernen durfte, sondern rein zufällig der Schwippschwager zweiten Grades des Froschs mit der Maske, der zu diesem Zweck auf der allerletzten Halbseite des Romans in die Handlung implantiert wird.

-   Zweitens das, was ich die Agatha-Christie-Variante nenne: Der Leser erhält im Verlauf der Fahrt des Orientexpresses 16 Uhr 50 ab Paddington lauter herzige, kleine Hinweise auf den Mörder von Captain Urquhart-Longfellow, die aber so geschickt versteckt sind, dass sich der Leser bei der Auflösung an den Kopf fasst und laut ausruft: „Oh, heiliger Kot, DAS hätte ich echt wissen können.“

Sicher seid ihr einig mit mir, dass die zweite Variante die Schönere ist. Der Haken: sie ist auch verdammt viel schwieriger zu schreiben. Bei mir war es eben so, dass einer dieser Hinweise in dem von mir ursprünglich geplanten Prolog leider so schlampig versteckt war, wie Mr. Nesbitt aus Harlow New Town, in dem guten alten Monty Python Sketch „How not to be seen“. Na schön, denn wird ditt eben jeändert.

Mein Fazit des Treffens mit Carsten. Wichtig für einen Cheflektor ist nicht nur, was der Autor schreibt, sondern offensichtlich auch, was er für sonst für ein Zeitgenosse ist. Wir haben uns jetzt nach meinem Gefühl ausgiebig beschnuppert, ich weiß, was ich an dem Plot machen muss, damit er steht, und damit kommen wir endlich zum Wesentlichen:

SCHREIBEN

 

16 - 4.7. - Restmai  bis Juni 2010 – Schreiben, zum Ersten: Horror Vacui

Nach einer längeren Pause setze ich mich vor meine ersten fünfzig Seiten, die Teil meines ursprünglichen Exposés waren, nehme den reformierten Plot zur Seite und versuche anzufangen …

versuche … anzufangen

versuche … an …

ZEFIX NOH AMAL!!!

Gleich die erste Schreibblockade. Ist ja irgendwie klar. Das Werk schlummerte ca. zwei Monate vor sich hin. Irgendwie bin ich aus dem Stoff und überhaupt aus dem Schreibprozess raus. Was macht man als Schriftsteller in so einer Situation?

Erstens: Inspiration suchen.

Passenderweise kommt genau dieser Tage eine Buchsendung von Carsten Polzin, der mich mit ein paar Highlights des PiFa-Programms bekannt machen will. Besonders hervor sticht Dan Wells mit seiner Serienkiller-Trilogie. Ich muss zugeben, dass Mormonen für mich bis jetzt immer kaum mehr als ein paar wunderliche Kerle waren, die die Welt mit dunklen Anzügen, Namensschildern und aufdringlich unaufdringlichen Gesprächsangeboten unsicher machen, aber schreiben scheinen sie zu können (siehe auch Stephenie Meyer). Dans Debüt „Ich bin kein Serienkiller“ ist ein Kracher. Durch solche Lektüre kann man auch die eigene Muse wieder aus den Daunen der Lethargie rupfen. Großmeister Kai Meyer liest in solchen Phasen übrigens laut eigener Aussage Comics.

Zweitens: Einfach drauflos schreiben

Klingt bescheuert. Stimmt aber. Meistens ist es doch gar nicht so, dass einem schlicht überhaupt nichts einfällt. Der Plot ist ja da und irgendwie hatte man ja zu dieser Szene zumindest eine vage Idee. Bei mir läuft es meistens eher so ab: Schreibe einen Satz. Klingt wie Notdurft. Streiche wieder. Schreibe drei Sätze. Klingen noch notdürftiger. Streiche wieder. Überlege, wie der erste Versuch noch mal ging, weil der ja doch irgendwie besser war, kriege ihn nicht mehr richtig hin und lösche ihn wieder und so weiter und so fort. Was jetzt Not tut, ist, den inneren Kritiker zu fesseln, zu knebeln, dann schleunigst in eine CIA-Black-Site abzuschieben  und sich zu sagen: Schlechte Texte sind nur eine Halluzination des gemarterten Schriftstellerhirns.

Also noch einmal: einfach drauflos schreiben. Nicht drüber nachdenken.

Fällt komischerweise unglaublich schwer, weil man das, was man da hinschreibt, auch geistig irgendwie immer gleich mitliest. Egal: Redigieren kann man immer noch und manches, das heute nach Mist klingt, kann in besserer Stimmung göttlich klingen. Und wenn es am Ende wirklich einfach Mist ist, streicht man es eben hinterher raus, Hauptsache man überwindet jetzt und hier erst mal diese dusslige Blockade. Schlagt mal in Wikipedia „Freewriting“ nach. Ray Bradbury hat ähnliches in „Zen in the Art of Writing“ geäußert und hey … wenn dabei so was wie „Fahrenheit 451“ herauskommt, kann es nicht ganz falsch sein.

Drittens: Wenn’s nicht geht, geht’s nicht.

Es gibt diese Tage, wo das Gefühl der Selbstquälerei kein Ende nimmt. Dann hilft nur eins: Pause machen. Der innere Kreativ-Elf ist offensichtlich am Ende seiner Kräfte. Gönnt ihm einen Urlaub und sorgt dafür, dass er währenddessen was zu sehen kriegt (Kino, Spaziergang, Reise etc.) aber schenkt ihm auf keinen Fall Socken! ;-)

 

17 - 11.7. - Juni bis August 2010 – Schreiben, die Zweite:

Die Mitte? Aber, da ist doch überhaupt nichts in der Mitte!

Habe meine Anfangsschwierigkeiten überwunden, sodass beim Schreiben ein regelmäßiger Fluss eingesetzt hat.

Einen Teil der zweiten Hälfte des Werkes schreibe ich übrigens im Fernsehzimmer einer Ferienanlage in Ölüdeniz in der Türkei. Die liebe Chris und ich haben den Fehler gemacht, die dortige Sommerhitze zu unterschätzen; es sind meist um die 40°C. Da wir beide – sie wegen ihres bevorstehenden Psychologiediploms – ein strammes Arbeitsprogramm mit in den Urlaub gebracht haben, vollzieht sich jeden Tag dasselbe Ritual. Morgens sind wir echte Urlauber, nach dem Mittagessen kurze Siesta und dann zieht sich jeder von uns für den weiteren Nachmittag in sein jeweiliges „Büro“ zurück. Ich verschwinde in besagtes Fernsehzimmer mit Blick auf die Liegewiese, wo die Bäuche der Miturlauber in der Sonne grillen. Dort organisiere ich alter Koffeinjunkie mir dann den obligatorischen Espresso doppio, stelle die Klimaanlage auf „Uranus“ und fange an in die Tasten zu hauen. Chris, die - was Temperaturempfinden angeht - eher auf der anderen Seite der Skala zu Hause ist (ist das bei Männern und Frauen nicht meistens so verteilt?), bleibt im etwas kuscheligeren Zimmer und wälzt Fachliteratur.

Aus dem Urlaub zurückgekehrt wird es erst richtig spannend, als der Piper Verlag mich plötzlich und unerwartet mit einem ersten Entwurf für den Buchumschlag konfrontiert, derselbe, den ihr jetzt in der Vorschau sehen könnt. Die Veröffentlichung wird für mich immer noch leicht Ungläubigen langsam immer greifbarer. Chris lässt mir zur Motivation einen Ausdruck im Posterformat fertigen, den ich als Ansporn an die Wand pinne. Nichtsbösesahnende Besucher unserer ehelichen Wohnung müssen sich fortan höflichst Laute des Beeindrucktseins abringen, wenn sie an meinem Schreibtisch vorbeigeführt werden. Damit steht nun auch der Buchtitel, der für mich bisher eigentlich nur ein Arbeitstitel war, endgültig fest. Im Lande grassiert gerade die Sarrazin-Debattitis. Hoffentlich – so denke ich bang – kommt niemand auf die Idee, es handele sich bei meinem Werk um ein Sachbuch über Integration von politisch Verfolgten.

Bei Durchsicht des kurz danach versandten „Vorschautexts“ (ist das identisch mit dem Klappentext? Ich habe keine Ahnung!) fällt mir auf, wie viel Interpretationsspielraum mein Exposé offensichtlich noch lässt. Nein, das Setting meines Buches ist alles andere als „friedfertig und zivilisiert“. Ich produziere einen Gegenentwurf, der auch prompt akzeptiert wird. Ist aber – wie Ihr euch denken könnt – alles andere als einfach, einen Anreißer in etwa einem halben Dutzend Sätzen zu formulieren, die Hunger auf mehr machen ohne zu viel zu verraten.

Nachdem all das nun erledigt ist, fehlt dem Buch nur noch eines:

Ein Ende.

 

18 - 18.7. - September bis Anfang Oktober 2010 – Schreiben, die Dritte: This is the End

Laut einschlägiger Fachliteratur muss das Ende eines Romans die folgenden Dinge bieten:

1. den befriedigen Abschluss der durch Haupt- und Nebenhandlungsstränge eingeführten Konflikte

2. den ultimativen Zusammenprall von Held und böser Macht

3. die dramaturgische Klimax

In Büchern, die - wie meins - eher action-geprägt sind, kann man diese Anforderung z.B. übersetzen in Mega-Action. Aber wie zum Henker macht man Mega-Action? Im Film ist das der Moment, wo es überall knallt und blitzt. Solche Effekte kann man im Buch zwar durchaus auch verwenden, aber selbstverständlich wirken sie hier nicht auf die gleich Weise.

Trotzdem bietet die Dramaturgie von Filmen einen guten Anhaltspunkt, wie man gelungene Actionszenen schreiben kann. Action im Film hat zum Beispiel viel mit gutem Schnitt zu tun. Und schneiden kann man auch in Büchern. Wenn die Handlung schneller wird, sollten die Szenen sinnvollerweise kürzer sein, um dem Leser ein Gefühl für die ansteigende Geschwindigkeit zu vermitteln. Damit die Schnitte nicht dramaturgisch sinnlos wirken, sollten sie einen wirklichen Wechsel zur Folge haben, sonst wirken sie leicht gekünstelt. Dies kann ein Szenenwechsel sein. So macht das z.B. Grisham, ein Meister des dramaturgischen Timings, am Ende von „Die Firma“: Fast im Takt einer halben Seite wechselt die Handlung zwischen dem fliehenden Mitch und der ihn verfolgenden Mafia bzw. der FBI-Agenten, die beiden auf den Fersen sind. Ein weiterer, schöner Effekt dieser Technik sind jede Menge kleine Cliffhanger. Wollt ihr in derselben Szene verbleiben und trotzdem die Dramatik durch Schnitte anheizen, dann setzt die Szene nach dem Schnitt einfach aus einer anderen Figurenperspektive fort, z.B. erst aus Sicht des Helden, dann aus Sicht des Bösewichts oder seines Sidekicks, die sich aber anders als bei Grisham alle zur selben Zeit am selben Ort befinden.

Trotz all meiner mittlerweile gewonnenen Fachkenntnis: Ein guter actionreicher Abschluss und das anschließende Dénouement (zu Deutsch etwa: Nachklapp oder englisch aftermath; bitte nachschlagen) sind knochenhart. Bei mir geht es sogar soweit, dass ich den bereits in meinem Plot vorgesehen Abschluss nach einer ausgedehnten Schreibblockade komplett über den Haufen werfe und noch einmal neu konstruiere. Das passiert Schriftstellern übrigens häufig. Liegt wohl daran, dass die Figuren und Grundideen des Buches mit Fortschreiten der Handlung oft ein vielerorts besungenes Eigenleben entwickeln, das den Autor zwingt, sich der veränderten Dynamik anzupassen. In meinem Fall mit Sicherheit ein echter Gewinn. Wenn ich heute die Ursprungsversion des Endes lese erscheint sie mir im Vergleich lahm und blutleer.

Am Ende bekommt mein Buch auch noch einen Epilog, der ein bisschen Ausblick darauf geben soll, wie es denn mit den mittlerweile arg mitgenommenen Protagonisten nach der Klimax weitergeht, ohne dass ich die Fantasie der Leser dabei allzu sehr einzwängen möchte. Und weil mir der Epilog so gut von der Hand geht, beschließe ich quasi in allerletzer Sekunde, dem Buch noch einen etwa einseitigen Prolog zu verpassen. Bisher war das die Handlung auslösende dramatische Element bei Beginn des Buches bereits passiert. Jetzt gewähre ich dem Leser einen kleinen, wenn auch etwas vernebelten Blick darauf, was mir einen teuflischen Spaß bereitet.

Pünktlich zu Ende September, buchstäblich am letzten Tag der Frist, schreibe ich unter mein Buch das Wort Ende. Da Cheflektor Carsten Polzin aber laut Abwesenheitsassistent seines Mailaccounts offensichtlich nicht im Hause ist, nehme ich mir noch einmal eine Woche, um die Hinweise die Chris, die beste Ehefrau von allen, in einem ersten Lektorat mit gut einer DIN-A4-Seite pro Kapitel (insgesamt also gut zwanzig Seiten mit Hinweisen und Benotung zu jeder Szene) zu Papier gebracht hat, umzusetzen. Dann, genau am 12. Oktober 2010 ist der Entwurf aus meiner Sicht wirklich fertig. Abschiedsschmerz? Innere Leere? Nein! Ich bin einfach froh, soweit gekommen zu sein und gespannt wie es weitergeht. Ihr auch?

 

19 - 25.7. - Anfang Oktober 2010 – FfM

Und schon wieder ist Buchmesse. Diesmal bin ich mit von der Party. Während mein Manuskript noch in den letzten Wehen liegt, haben ich und Agent Bastian Schlück, für den die Anwesenheit bei der – weltgrößten – Buchmesse in Frankfurt am Main natürlich eine heilige Berufspflicht ist, uns zu einem Rendezvous verabredet. Unser erstes Treffen von Angesicht zu Angesicht. Bis jetzt kenn ich nur seine freundliche und vom vielen Reden mit aufgeregten Autoren immer etwas heisere Stimme aus dem Telefon. Chris und ich machen uns also am Samstag auf den Weg nach Bankencity, wo ich bis relativ kurz vor meinem ersten Schreibversuch mal selber ein Jahr gelebt habe.

Die Messe ist erwartet riesig und wuselig und dieses Jahr voll von Cosplayern, einem für mich völlig neuem Phänomen, dass ich zuerst für Vorboten des nahenden 11.11. halte, bis Chris mich aufklärt.

Da ich früher häufiger mal beruflich Dienst auf der CEBIT getan hatte, ist mir die Atmosphäre großer Messen nicht völlig fremd. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber Menschenmassen sind meine Sache nicht, auch wenn sie literarisch interessiert sind. Trotzdem quälen Chris und ich uns mutig durch die uns entgegenbrandenden Wellen der Besucher zum Stand von Piper, wo ich nach Carsten Polzin frage, aber zu meiner Enttäuschung erfahren muss, dass er gestern schon wieder abgefahren ist. Na ja, wir waren ja auch nicht verabredet. An einem kleinen Tischchen entdecke ich Markus Heitz („Die Zwerge“), der offensichtlich gerade mit ein paar Fans parliert. Ob mir das auch mal so gehen wird? Die Menschenmenge spült diesen Gedanken, so wie mich und Chris schnell weiter.

Dann ist die Zeit für mein Treffen mit Bastian Schlück gekommen. Im Agentencenter, einem Messebereich, der exklusiv den literarischen Agenten und ihren Gesprächspartnern vorbehalten ist und der eigentlich nur aus mehreren Reihen von Gesprächstischen unterbrochen von Kaffeeinseln besteht, sitzen wir uns schließlich Aug in Auge gegenüber. Zuerst ist die Situation ein wenig gewöhnungsbedürftig. Bis jetzt hatten wir immer einen konkreten Anlass über irgendein Projekt zu sprechen. Jetzt geht es eher um das physische Nachholen von Kennenlernen. Wir beginnen sinnvoller Weise mit der Umstellung auf das Duzen. Bastian ist begreiflicherweise etwas müde. Er hat ja schon drei Tage ununterbrochenes Verhandeln und Smalltalken mit im Halbstundentakt wechselnden Gesprächspartnern hinter sich. Wir unterhalten uns über Piper und mögliche neue Projekte, sowie die letzten Trends auf dem Buchmarkt. Vampire ziehen sich so langsam aber sicher in ihre Särge zurück, um dort auf den nächsten Hype zu warten. Der Impulsgeber des Buchmarktes ist aber immer noch der Jugendbuchbereich. Nach Harry Potter kommt Percy Jackson, kommen die Tribute von Panem. Mal sehen, vielleicht fällt mir ja irgendwann auch mal etwas dazu ein. Jetzt aber ist es viel zu früh, konkret zu werden. Erstmal muss mein Buch auf den Markt kommen, was es in etwa einem Jahr tun wird (kein unüblicher Zeitraum zwischen Manuskriptabgabe und Veröffentlichung) und bitte auch etwas Erfolg haben. Erst dann wird Piper verständlicherweise entscheiden, wie es mit unserer jungen Ehe weitergeht.

Wieder zu Hause angekommen, bestätigt Carsten Polzin den Eingang meines Manuskripts und teilt mir mit, dass dessen Ankündigung auf der Vertreterkonferenz von Piper gut angekommen sei. Hört sich nach einer Nebensache an, ist es aber nicht. Die Vertreter des Verlages haben innerhalb des Marketingprozesses eine gewichtige Stimme und können durchaus Einfluss auf Plot, Titel, Cover und ähnliches nehmen. In meinem Fall haben sie rundum positiv reagiert, das heißt, sie sind überzeugt, ein viel versprechendes Buch in den Händen zu halten, das sich auch verkaufen lässt. Ich habe also noch mal Grund zur Freude.

Am Ende seiner Email kann mir Carsten dann sogar schon einen potentiellen Lektor in Aussicht stellen. Doch dazu das nächste Mal mehr.

 

20 - 1.8. - Mitte Oktober 2010 – Ein Lektor unter Werwölfen, Elben und Kreuzzüglern

 Peter Thannisch ist …

-   ist im Fantasybereich Lektor von Schwergewichten wie Alfred Bekker, Claudia Kern und seit einiger Zeit auch Bernd Frenz, ansonsten Krimiautoren wie Michael Kibler

-   der frischgebackene Autor der Karl-May-Persiflage „Winnetou unter Werwölfen“ (gerade erschienen bei  …. na, wem wohl: PiFa)

-   mein Lektor für Asylon

Da Peter extern für Piper tätig ist (bei Lektoren durchaus üblich), muss Carsten Polzin ihn erstmal freundlich anfragen. Peter erklärt sich zu meiner Freude bereit.

Ich nehme sofort direkt Kontakt mit ihm auf. Peter schreibt mir, dass er wahrscheinlich ab Januar mit dem Lektorat meines Buches beginnen kann, da er vorher noch „einiges mit Werwölfen, Elben und den Kreuzzügen zu tun“ hat. Aus humoristischen Gründen beschließe ich, die Aussage absichtlich falsch zu verstehen und schreibe zurück: „Für die Werwölfe, Elben und Kreuzzüge wünsche ich Dir viel Spaß. Hört sich ebenfalls nach einer coolen Mischung an. Ich stell mir jetzt vor, Saladin Legolas Grünblatt, die olle Lusche, wird vor den Toren Jerusalems von Richard Wölfenherz zerfleischt.

Natürlich handelt es sich tatsächlich um mehrere Projekte, wie Peter dann auch postwendend klarstellt. Aber ein weiterer hervorstechender Charakterzug meiner Person ist eben, dass mir keine Pointe zu dusselig ist. Da fällt mir ein … vielleicht ist das ja doch nicht so dusselig? Winkt da nicht doch eine neue Buchidee. Trete sie an ernsthafte Interessenten ab. ;-)

Hat irgendwer von Euch Lust?

 

21 - 8.8. - Ende Oktober bis Ende November 2010 - Doppelfiehtbäck

Zuerst meldet sich mein Agent Bastian Schlück. Wie immer hat er das Buch akribisch durchgearbeitet und einige wertvolle Hinweise, die ich einfach erstmal sammele. Schließlich wird es ja im Januar noch das Lektorat von Peter Thannisch geben und da kommt dann sicherlich noch einiges an notwendigen Änderungen dazu. Gottseidank hat Word die Kommentierungsfunktion erfunden, so dass ich Bastians Tipps einfach an den entsprechenden Stellen des Manuskripts verankere. In zwei bis drei Monaten werde ich mir dann überlegen müssen, wie ich das alles umsetze.

Zwei Wochen später kommt ein Anruf von meinem Cheflektor Carsten Polzin. Er hat Asylon in kaum mehr als vierundzwanzig Stunden durchgelesen und findet es „klasse“. Sagt, er hätte es kaum weglegen können und beim Ende Gänsehaut gehabt. Meine puschelige, kleine Autorenseele schwebt auf Wolke Siebenhundertsiebenundsiebzig. Ein paar kleine Anmerkungen will er mir noch per Email schicken. Ich bin freudig gespannt. Feedback von Außenwelt ist für den Autor in seinem Elfenbeintürmchen immer wie frischet Menschenfleisch für den Zombie, auch wenn es manchmal kritisch ausfällt.

Irgendwann in diesen Tagen entsteht auch die Idee mein bis dahin rein privates Buchentstehungstagebuch in diesen Blog zu übersetzen. Eine freundliche Dame aus dem Marketingbereich von Piper hilft mir, ein Grundkonzept zu entwickeln und wie immer ist Ehefrau Chris mein treuester Kritiker, auch was diese Einträge angeht.

Am 29. November stolpere ich eher zufällig über ein elektrisierendes Ereignis. Mein Buch ist das erste Mal online sichtbar und zwar in der digitalen Vorankündigung von Piper Fantasy unter der Rubrik „Vorschauen“ der Piper Verlag Main Page. Tagelang rufe ich das Dokument immer wieder ab und kann mich nicht an dem Eintrag satt sehen. Den Vorschautext kenne ich nur zu gut. Es ist der, den ich im Sommer selbst entworfen habe. Jetzt weiß ich endlich zu welchem Zweck. Der Verweis auf „Metro 2033“ von Dmitri Glukhovsky schmeichelt mir. Das Buch ist ein echter Kracher. Und die, mir bis dahin nicht bekannte, Genrebezeichnung „Dark Future“ ist auch sehr treffend. Mysteriös finde ich, wie der Verlag bereits eine konkrete Seitenangabe machen kann (etwa zehn mehr, als derzeitige Manuskriptseiten) obwohl ja das Lektorat noch bevorsteht. Wahrscheinlich vermuten ich und Chris, haben die Verlagslayouter so rechenstarke Software, dass man das auch bei größeren Abweichungen irgendwie hinbiegen kann. Spannend jedenfalls.

Über die Weihnachtszeit werde ich mich mal prophylaktisch um die Anlage einer Autorenwebsite kümmern und dann kommt ja bald das Lektorat.

Edit vom 28.01.2017: Sorry. Leider musste ich wegen massiven und andauernden Spambotbefalls die Kommentarfunktion dieser Seite entfernen.